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Paul Cayard

„ Ich rechne mit sechs AC72“

Text: Brice Lechevalier

Jahr: 2011

© Brice Lechevalier

Sie segeln auf einer Décision 35. Wie gefällt Ihnen der Katamaran?

Auf einer D35 zu segeln ist amüsant, auch wenn man nicht gewinnt! An der Genève-Rolle rangierten wir bei den D35 zeitweise an zweitletzter Stelle, nur Veltigroup lag noch weiter zurück, trotzdem waren wir alle, einschliesslich Torbjörn*, gut gelaunt, denn wir flogen auf einem Rumpf übers Wasser. Es gibt Boote, die einfach Spass machen, auch wenn du nicht ganz vorne mit dabei bist. Dazu gehört der 49er, aber auch die D35. Sie ist angenehm zu segeln und auch bei sehr wenig Wind schnell. Ihr intelligentes Design und die wirklich gelungene Umsetzung haben mich überzeugt. Sie wiegt eine Tonne, aber der Mittelrumpf sorgt dafür, dass sie sehr steif ist. Es ist immer etwas los. Die D35 ist wirklich ein sehr lebendiges Boot.

 

Ihr Programm ist unglaublich intensiv. Sie sind bei den AC45, den D35, den Extreme 40 und den RC44 mit dabei. Wie bekommen Sie das auf die Reihe?

Man muss schon sehr gut organisiert sein und die Rollen gut verteilen. Terry Hutchinson und ich haben unsere Aufgaben klar definiert, denn man kann sich nicht um alles gleichzeitig kümmern. Das Management des America’s-Cup-Syndikats ist mit extrem viel Arbeit verbunden, insbesondere wegen der vielen, seit Anfang Juni eingetretenen Änderungen und unserer neuen Rolle als Challenger of Record. Zum Glück fallen die Regatten auf die Wochenenden, denn unter der Woche muss ich mich auf unser Syndikat konzentrieren.

© Chris Schmid - Eyemage Media

Was ist am schwierigsten zu handhaben?

Es ist alles sehr kompliziert. Der America’s Cup wird nicht mehr auf Einrümpfern, sondern auf Mehrrümpfern gesegelt, deren Feinheiten wir noch nicht alle kennen. Die davor ausgetragenen World Series sind mit grossem organisatorischem und logistischem Aufwand verbunden und es müssen zwei neue hochtechnische 72-Fuss-Katamarane gebaut werden. Jedes einzelne der wichtigen Teile ist genauso komplex wie bei einem normalen Boot. Mit zwei Rümpfen und drei Segeln ist es etwa so, als müsste man fünf Boote bauen! Hinzu kommt das Programm bei den D35. Dabei können wir unsere Kenntnisse auf Mehrrümpfern verbessern. Gleichzeitig ist unsere Teilnahme aber auch darauf zurückzuführen, dass Torbjorn in Genf wohnt und er an der Vulcain Trophy die Möglichkeit hat, seiner Leidenschaft zu frönen. Die TP52, auf der er bisher gesegelt ist, haben wir übrigens verkauft.

 

Artemis ist neuer Challenger of Record. Was bedeutet das konkret für Sie?

Der Challenger of Record hat nicht mehr so viele Pflichten wie früher. Die Organisation der Auswahlverfahren und der Regatten sowie die PR-Arbeit mit den Sponsoren gehören nicht mehr zu seinem Aufgabenbereich. Da der America’s Cup jetzt über ein zentrales Management verfügt, geht es vor allem darum, die Arbeit mit allen Beteiligten einschliesslich des Defenders zu koordinieren, um die richtigen Lösungen für den Event zu finden. Wir haben deshalb seit Anfang Juni auch einige Regeln neu definiert, wobei alle Änderungen die grossen Rennställe wie Artemis Racing, BMW Oracle oder Team New Zealand benachteiligen und die kleineren Challenger bevorteilen. So haben wir beispielsweise beschlossen, die Nutzungsdauer der AC45 und somit auch die Tour zu verlängern, indem wir die ersten Regatten auf den AC72 verschoben und die Dauer des Circuits verkürzt haben. Damit wollen wir den kleinen Teams genügend Zeit geben, das nötige Budget zu finden. Artemis Racing hat die Gespräche in diese Richtung gelenkt, ich habe aber bereits Ende Mai an einer RC44-Regatta in Österreich mit Russell Coutts darüber gesprochen. Während wir beide das Glück haben, von vermögenden Segelfans unterstützt zu werden, müssen andere wie die Peyron-Brüder das Geld für ihr Projekt erst noch auftreiben. Unsere Situation ist in dieser Hinsicht völlig gegensätzlich.

 

Was würden Sie gerne ändern?

Beim 34. America’s Cup ist eigentlich nicht mehr viel mehr möglich. Sein Format deckt sich im Wesentlichen mit dem Konzept der World Sailing League, das Russell und ich vor fünf Jahren entworfen haben, um den Segelsport bei einem Laien-Publikum attraktiver zu machen. Ich bin überzeugt, dass schnelle Boote, die mit einem Rumpf aus dem Wasser durch die Bucht rauschen, oder ufernahe Kurse und 35- bis 40-minütige statt zweistündige Regatten zuschauerwirksam sind und vor allem bei jungen Leuten gut ankommen. Man muss begeistern können. Diesmal haben wir die Chance, in diese Richtung zu gehen und dafür werden wir auch kämpfen.

 

Wie viele AC72 werden Ihrer Meinung nach am Start sein?

Ich rechne mit sechs.

 

Wie gross sind Ihre Chancen gegen Oracle?

Ich denke, dass die drei grossen Teams ebenbürtig sind. Es kann sein, dass Oracle leichte Vorteile hat. Ich würde sagen, dass Artemis Racing gegenüber Oracle 40 Prozent und Team New Zealand 30 Prozent Gewinnchancen hat.

 

Was halten Sie von der Regattatour der MOD 70?

Ich mag das Konzept und finde die Idee gut. Wenn ich nicht bereits im Cup engagiert wäre, würde ich mich dafür interessieren.

 

Wie würden Sie die Schweizer Segelszene beschreiben?

© Chris Schmid - Eyemage Media

Die Schweiz besitzt eine eigene, gut etablierte Multihull-Kultur. Deshalb begleitet mich mein Konstrukteur Juan Kouyoumdjian** auch nach Genf. Die Schweizer Segelszene unterscheidet sich von der französischen, auf Hochseeregatten ausgerichtete Mehrrumpf-Kultur. Hier herrscht America’s-Cup-Geist, das heisst, es wird auf leichten, raffinierten Booten gesegelt. Nehmen wir die Décision 35: Es handelt sich um ein hochtechnisches Klassenboot mit asymmetrischen Daggerboards und vielen genau durchdachten Details. Für ein Land ohne Meeranstoss hat die Schweiz einen hochentwickelten Segelsport.

 

*Törbjorn Törnqvist, Eigner von Artemis Racing, Sieger des AudiMedCup 2007 bei den TP52 sowie der RC44-Flottenregatten 2009 und Initiator des schwedischen Syndikats des 34. America’s Cups

**Designer der 60-Fuss-Jacht von Bernard Stamm.

Paul Cayard, der Skipper von Artemis Racing, Challenger of Record des 34. America’s Cups, ist ein vielbeschäftigter Mann. Er bestreitet gleichzeitig drei weitere internationale Regattatouren.