Dominique Wavre
Text: Pierre-Antoine Preti
Jahr: 2008
Dominique Wavre, Sie bereiten sich auf Ihre achte Weltumsegelung vor. Es ist bereits Ihr drittes Nonstopp-Solo-Rennen rund um den Globus. Welches Ziel haben Sie sich gesetzt?
Ich möchte einen Podestplatz erreichen und das absolut geniale Gefühl, in der Südsee zu segeln erneut spüren. An der Vendée Globe fühle ich mich in meinem Element. Die Regatta entspricht genau dem, was ich unter einem Hochseerennen verstehe. Ausserdem mag ich die Herausforderung und träume davon, alle anderen und ganz besonders die Bretonen hinter mir zu lassen (lacht).
Was glauben Sie, werden Sie dabei lernen?
Wirklich Neues werde ich dieses Mal wohl nicht entdecken. Man könnte eher sagen, ich ergänze bereits gemachte Erfahrungen.
Wird es Ihre letzte Vendée Globe sein?
Keine Ahnung. Jede Vendée Globe ist wie ein Gebirge, hinter dem man nicht sieht, was vor sich geht. Ich freue mich erst einmal auf den Start. Danach stehen ein weiteres Barcelona World Race, das ich zusammen mit Michèle segeln möchte, und eine neue, von IMOCA ins Leben gerufene europäische Regatta auf dem Programm. Solange ich Spass an der Sache habe, die Sponsoren mitmachen und sowohl Kopf als auch Körper mitspielen, gibt es keinen Grund aufzuhören.
Wie haben Sie sich nach dem Barcelona World Race technisch vorbereitet?
Nach dem Barcelona World Race wurde das Boot generalüberholt. Es hatte 25’000 Seemeilen unter dem Bug und wurde vollständig auseinander genommen und revidiert.
Sie hatten Probleme mit dem Kiel und mussten in Neuseeland an Land gehen…
Ja, wir hatten Rost dicht an der Kielwurzel entdeckt. Ein Blech war 3-4 mm tief angefressen, wahrscheinlich wegen eines Zusammenstosses mit einem unbekannten Gegenstand vor Südafrika, bei dem sich die Farbe gelöst hatte. Aufgrund ihrer Lage war die beschädigte Stelle grossem Druck ausgesetzt. Unser Ingenieur befürchtete einen Bruch, deshalb sind wir in Neuseeland an Land gegangen.
Wie haben Sie das Problem gelöst?
Dieses Problem konnten wir nicht lösen, aber wir haben den Kiel in Neuseeland provisorisch geflickt. In Europa haben wir dann beschlossen, die Stahlfinne des Kiels durch eine Karbonfinne zu ersetzen. Die Herstellung diese Finne war auch der Grund, warum ich im Frühling 2008 nicht an The Transat teilnehmen konnte. Es war komplizierter, das Karbonstück dem bestehenden Teil anzupassen als alles zu erneuern. Wir haben acht Wochen gebraucht, um die 450 kg Karbonfasern Schicht für Schicht aufzutragen.
Gab es noch andere Änderungen?
Nichts Wichtiges. Wir haben aber die Segelgarderobe gewechselt. Beim Solosegeln sollte man versuchen mit einer kleinen Segelgarderobe auszukommen, um möglichst wenig Manöver durchführen zu müssen. Das Einsatzspektrum jedes Segels muss deswegen möglichst gross sein. Es ist nicht einfach, die richtigen Einsatzmöglichkeiten für ein Segel zu finden.
Sie segeln also auf einer Yacht, die sich bewährt hat und, das Barcelona Race, die Route du Rhum und mehrere Überführungen zusammengerechnet, bereits 1,5 Mal um die Welt gesegelt ist…
Meine Stärke besteht darin, dass ich ein schnelles und sehr vielseitiges Boot habe, das sich “all around” bewährt hat. Ich glaube, dass wir gute Chancen auf eine vordere Platzierung haben.
Für einen Tennisspieler ist es schwierig, mehrere Matches in kurzen Abständen zu bestreiten. Ergeht es einem Segler, der in kurzer Zeit eine Zweihand- und eine Einhand-Weltumsegelung aneinander reiht, ähnlich?
Ja. Zwischen dem Barcelona World Race und der Vendée Globe konnte ich mir keine Verschnaufpause gönnen. Normalerweise nehme ich mir eine zwei- bis dreiwöchige Auszeit. Aufgrund der Reparatur und der Vorbereitung der Yacht haben Michèle und ich nur sieben Tage Ferien gemacht. Dass eine Weltumsegelung anstrengend ist, braucht man wohl niemandem zu erklären.
Sie werden nach ihrer Tour mit Michèle Paret erneut allein losziehen. Was ändert sich dabei auf praktischer Ebene?
Ich habe es wirklich genossen zusammen mit Michèle zu segeln. Allein manövrieren zu müssen setzt eine andere Organisation voraus. Wir waren es so gewohnt, das Boot in perfektem Timing gemeinsam zu steuern. Es wird deshalb eine ziemlich grosse Umstellung sein. Ich werde doppelt so viel Zeit und Kraft brauchen und auch niemanden mehr haben, der meine Arbeit kontrolliert. Auf diese neue Situation muss ich mich erst wieder einstellen.
Und wie wird sich das Team an Land organisieren?
Ich werde jeden Tag mit dem Team an Land in Kontakt stehen. Es wird die Medien auf dem Laufenden halten, aber vor allem rund um die Uhr einsatzbereit sein, um mir im Fall einer Havarie mit technischen Tipps zur Seite zu stehen. Das ist eine schwierige und nervlich anstrengende, an Regatten wie einer Vendée Globe aber unverzichtbare Aufgabe. Ein Landteam muss mit dem Stress an Bord umgehen und drei Monate lang mit der Angst vor einer Havarie leben können. Michèle hat von allen Teilen der Yacht, des Motors, des Stromsystems, der Beschläge, des Riggs usw. detaillierte Fotos gemacht, damit sie mir bei Schwierigkeiten jederzeit aus der Ferne helfen kann.
Sie wurden zum Präsidenten der IMOCA, der Klasse der 60-Fuss-Einrümpfer ernannt. Glückwunsch!
Zunächst möchte ich klarstellen, dass ich nur bis zur nächsten Generalversammlung Präsident ad interim bin.
Ich freue mich aber feststellen zu können, dass unsere Klasse auf Expansionskurs ist. Wir haben uns professionell organisiert und einen Vermessungschef, ein Sekretariat und diverse Vermesser eingesetzt. Dadurch werden wir als Ansprechpartner zunehmend ernst genommen und respektiert und auch von den Regattaveranstaltern um Rat gefragt. Die IMOCA verfolgt drei grosse Ziele: die Kosten senken, die Yachten vereinfachen und die auf sie wirkenden Kräfte eindämmen. Nach der Vendée Globe geht es dann darum, diese bislang noch etwas abstrakten Ideen umzusetzen.
Und was meinen Sie als Präsident dazu?
Die Klasse hat sich stark weiterentwickelt. Bei der IMOCA hat jeder Skipper Mitspracherecht. Die Neuzugänge aus der Figaro- oder der Mini 6.50-Szene bringen zwar Leben in den Verband, erschweren aber auch das Management. Jetzt müssen Systeme geschaffen werden, die es uns ermöglichen weiter zu kommen. Ich engagiere mich in diesem Bereich gerade sehr stark.
Die Kosten für eine Teilnahme an der Vendée Globe sind extrem in die Höhe geschnellt. Wie gedenkt die IMOCA mit der jetzt drohenden Rezession umzugehen?
Wir befinden uns in einer widersprüchlichen Lage. Es sind zwar alle der Meinung, dass die Kosten gesenkt werden müssen, aber niemand will bei seiner eigenen Yacht Kompromisse machen. Lauter gute Absichten auf der einen und ein unhaltbarer Egoismus auf der anderen Seite. Es ist mir schleierhaft, wie wir uns aus dieser misslichen Situation befreien sollen. Ich hoffe aber, dass die Leute bis im Frühling 2009 etwas mehr Mut und Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen.
IMOCA: Regattakalender 2009-2011
Der Regattakalender 2009-2011 wurde von Dominique Wavre am 16. September an der Pressekonferenz der Vendée Globe in Paris bekannt gegeben. Er sieht wie folgt aus:
2009: European Pro Tour
2009: Transat Jacques Vabre
2010: Course de Printemps
2010: Barcelona World Race
2011: European Pro Tour
2011: Transat Jacques Vabre
2012: Transat Anglaise
2012: Vendée Globe
"Dominique Wavre: Nach der Vendée müssen sich die IMOCA-Skipper ihren eigenen Widersprüchen stellen."
Nach seinem dritten Platz am Barcelona World Race, das er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Michèle Paret bestritten hatte, machte sich Dominique Wavre am 9. November an seine achte Weltumsegelung. Wenige Wochen vor dem Start in Les Sables d’Olonne äusserte sich der IMOCA-Präsident "ad interim" ohne Umschweife zur Situation der Klasse und zur Kosteninflation.



