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Rodrigues

Zwischen Bergen und Meer

Text: Bernard Pichon

Jahr: 2011

Wer durch die Maskarenen kreuzt, macht meistens auch auf Mauritius und La Réunion Halt. Die beiden Inseln ergänzen sich gegenseitig. Die eine lädt zum Baden, die andere zum Trekking ein. Sich zwischen den beiden zu entscheiden, ist in mancher Hinsicht ein Dilemma: feinkörniger weisser Sand gegen tiefschwarze Vulkanfelsen, Tahiti gegen Hawaii.

Sportler können sich an den Windspots so richtig austoben. © Bernard Pichon

Doch es gibt noch eine dritte im Bunde, über die viel zu oft hinweggesehen wird: Rodrigues. Die dritte und geheimste Insel des Dreigespanns liegt nur 90 Flugminuten von Mauritius entfernt. Und sie hat Herz.

Hügel und sanfte Täler bilden die liebliche Landschaft von Rodrigues. © Bernard Pichon

© Bernard Pichon

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„Wir sind das bescheidenste der drei Gebiete, aber wir kombinieren die Vorzüge der beiden anderen und können dadurch sowohl Wanderer als auch Wassersportler beglücken“, sagt Alice, die in den höchsten Tönen von ihrem Wunderland schwärmt und dabei auf den Schwarm Kitesurfer deutet, der in der untergehenden Sonne am Windspot von Mourouck mit den Wellen spielt.

Der Zeit Zeit geben

„Es ist schwierig für unsere Besucher, sich nicht gleich nach der Landung auf ein Surfbrett zu stürzen oder sich an die Besteigung der Hügel zu machen. Obwohl: Hier lädt eigentlich alles dazu ein, eine ruhige Kugel zu schieben, wie man so schön sagt“, verrät die Kreolin, die in London studiert hat, bevor sie wieder nach Port Mathurin zurückkehrte. Sie hatte in der hektischen Millionenstadt nichts so sehr vermisst wie die goldgelben Terrassenfelder, die einsamen Buchten und die üppigen Gärten ihrer gerade einmal 18 x 8 km kleinen Heimat. Es zog sie zurück zu einer „authentischeren, stärker zusammengeschweissten Gemeinschaft als man sie in Europa und auf den stark gemischten Nachbarinseln antrifft“. Auf eine Menschenansammlung vor einem allein stehenden Haus zeigend sagt sie: „Alle diese Leute sind gekommen, um den Angehörigen eines jungen Mannes, der an seinem 20. Geburtstag bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist, ihr Beileid auszudrücken. Egal, ob man sich gut oder weniger gut kennt, man fühlt spontan mit.“

© Bernard Pichon

Die Bewohner der lange Zeit von der übrigen Welt abgeschnittenen Insel nehmen die oft schwierigen, durch die Abgeschiedenheit noch verschärften Lebensbedingungen mit einer besonderen Gelassenheit in Kauf. Als wäre es das Natürlichste der Welt, zieht sich ein breites Lächeln über ihr Gesicht und lädt zu einem angeregten Small Talk im unverkennbar kreolischen Akzent ein.

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30 Minuten nur braucht man, um das Vogelparadies Ile aux Cocos einmal zu Fuss zu umrunden. © Bernard Pichon

Von einem Segelboot zum nächsten

© Bernard Pichon

In Rodrigues kennt ihn jeder. Joe Cool hat von seinem Vater alle Finessen des Fischerberufs gelernt. Nicht nur, wie man massenweise Tintenfische fängt, sondern auch, wie man schadlos zwischen den Korallengruppen hindurchfährt, die bei Ebbe aus dem Wasser ragen und für den Bootspropeller fatale Folgen haben können. „ Wir haben schon immer mit den Fischen gelebt, aber seit einigen Jahren nimmt das Sportfischen immer stärker zu. Spezielle Anbieter zeigen den Anglern die besten Plätze, wie die Klippen sechs Seemeilen vor der Küste. “

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In jüngster Zeit wurden im Hoheitsgebiet von Rodrigues gleich drei neue Weltrekorde aufgestellt: im Jiggen, im langsamen Schleppen und mit der Handangel (Palangrotte). Techniken gibt es genügend, um einen Blauen oder Schwarzen Marlin, eine Dorade, einen Schnapper oder eine der acht Zackenbarscharten an die Angel zu bekommen. An Bord von Hightech-Booten werden die Hobbyfischer bei ein- bis zweitägigen Ausfahrten von erfahrenen Teams betreut.

Paradies für Vogelfreunde

So lange dauert es bei Joe nicht. Er nimmt seine Freunde auf einen mehrstündigen Trip mit, um ihnen die Ile aux Cocos zu zeigen. Der schmale Sandstreifen zieht sich wie der Strich eines Ausrufezeichens zum Ufer von Rodrigues. Umweltschützer kämpfen dafür, dass der Zugang zu diesem einzigartigen Naturschutzgebiet eingeschränkt wird.

„ Man sollte sie in „ Vogelinsel “ umbenennen, findet ihr nicht ? “ fragt unser fröhliche Robinson, während sein Boot einen Schwarm Tropikvögel aufscheucht. Die geflügelten Wesen werden schon kurz darauf wieder in die Tiefe rauschen und ihre Legeplätze aufsuchen. Feuer ist hier streng verboten und stören darf man die Brut auch nicht. Das Federvieh ist hier so zahlreich und so zutraulich, dass sich das Teleobjektiv als überflüssig erweist.

„ Segelboot am Horizont ! “ ruft Adlerauge Joe und nutzt die Gelegenheit, über das Comeback der sommerlichen Regatten zu erzählen. Die Segler können dabei nicht nur ihren Wettkampfgeist ausleben, sondern haben auch Gelegenheit, in diese einzigartige Region zurückzukehren. Die Einheimischen sehen ihre Insel mittlerweile als Kapital, das ihnen im besten Fall Wohlstand bringen und im schlimmsten Fall das Überleben ihrer Nachkommen sichern wird.

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Retten, was zu retten ist

Die Bewohner von Rodrigues haben ein schweres Umwelterbe zu tragen. Ein Zeichen dafür, dass ökologisch so manches verkorkst wurde, ist das Aussterben des Solitärs, einem Leidensgenossen des Dodo von Mauritius, und vieler weiterer einheimischer Arten. Ende des 18. Jahrhunderts hatte der Seefahrer François Leguat eine wertvolle Bestandsaufnahme erstellt. Von Riesenschildkröten ist dort die Rede, die so zahlreich waren, dass man eine ganze Wiese von einem Panzer zum nächsten springend überqueren konnte, ohne ein einziges Mal den Fuss auf den Boden zu setzen. Für die Seefahrer auf dem Weg nach Indien war die Insel eine segensreiche Speisekammer, in der sie sich ohne Rücksicht bedienten. Kein Wunder waren die Schildkröten schon bald ausgerottet.

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Da es nicht möglich ist, die überdimensionalen Schildkröten wieder auferstehen zu lassen, versucht eine nach dem Naturforscher benannte Stiftung eine verwandte Schildkrötenart auf Rodrigues einzuführen. „Bevor die Tiere aus ihren Gehegen entlassen werden, muss die Lokalbevölkerung umerzogen werden. Die mag es nicht, wenn man ihr Vorschriften macht und hängt an ihren altüberlieferten Gewohnheiten. Die Resultate sind aber durchaus vielversprechend. Die Gelbschulter-Fledermaus zum Beispiel ist heute ausser Gefahr und viele bedrohte Holzarten wie das Eisen-, Oliven- und Ebenholz werden wieder angepflanzt. Es war eine Rettung in letzter Minute!

Einzigartige Unterwasserwelt

© Bernard Pichon

Familie Saulnier aus Frankreich liebt das Meer. Sie lässt sich seit über drei Monaten vom Passat auf ihrem poetischen Kahn über den Indischen Ozean treiben. „ Wir hatten eigentlich auf Rodrigues nur einen kurzen Stopp geplant, aber meine Frau und die Kinder haben sich in die wunderschöne und wie durch ein Wunder noch intakte Unterwasserwelt verliebt. Also haben wir unseren Aufenthalt spontan verlängert “, grinst der Familienvater und erzählt dann mit leuchtenden Augen von den schönsten Tauchspots. Trou d’argent zum Beispiel gehört zu den dreissig bestgeschützten Stränden der Welt.

Damit ist klar : Der kleine Flecken auf dem Ozean ist mehr als nur eine Stippvisite wert. Wer sein Wesen erfassen möchte, der muss seine Agenda dem Internettempo anpassen. Internet ? Ja, denn hier kennt nicht einmal das Web den Highspeed-Verkehr. Aber wie lange noch ?

Die kleine Schwester von Mauritius, dem letzten, mitten im Indischen Ozean gelegenen afrikanischen Gebiet vor Australien, verzaubert mit ihren 300, von Lagunen umgebenen Quadratkilometern.
Reise-INFOS

Anreise: Mehrere Verbindungen täglich mit Air Mauritius ab Mauritius (ATR 72). Die Flugzeit zwischen den beiden Inseln beträgt rund 90 Minuten. Die Lausanner Reiseagentur Départ Voyages (www.depart.ch, Tel. 021 729 50 00) organisiert massgeschneiderte Aufenthalte mit Unterkunft bei Privatpersonen, hübschen Herbergen (z.B. in der malerischen Pension „Chez Jeannette“) oder den Luxushotels Cotton Bay (www.cottonbayhotel.biz) oder Mourouk Ebony www.mouroukebonyhotel.com).
Auf Wunsch werden auch massgeschneiderte Reisen mit Jachtcharter in Zusammenarbeit mit Fert Yachting (022 730 47 31, www.yachting.fert.ch) organisiert.

Klima: Tropische Temperaturen zwischen 28 und 35 °C im Sommer, der tropischen Wirbelsturmsaison (November bis April) und zwischen 18 und 22 °C im Winter.

Gastronomie: Traditionelle Maissuppe, gedämpfte Krabbe mit Gartenkräutern, Tintenfisch-Curry mit roten Bohnen, Schweinefleisch mit Honig, Ingwer und Curcuma.

Kultur: Sega und Akkordeon haben zur Freude der Tänzer und Musiker zusammengefunden. Bei den bei der Jugend sehr beliebten Bällen leben die alten Traditionen wieder auf.

Infos: Organisation der massgeschneiderten Reise und Bootscharter - Fert Yachting: 022 730 47 81, fert@yachting.ch