Zu diesem Thema
Empfehlen
Siehe auch

Olympischer Testevent in Weymouth

Schweizer wenig überzeugend

Text: Dominique Krähenbühl

Jahr: 2011

© Swiss Sailing / Jürg Kaufmann

In sechs Bootsklassen gingen insgesamt sechs Segler und drei Seglerinnen an den Start der Pre-Olympics, die vom 31. Juli bis 13. August 2011 in Weymouth und Portland stattfanden. An Unterstützung sollte es nicht fehlen: Neben den Coaches war auch ein Supportteam mit Physiotherapeuten, Meteorologen und Rules Advisor vor Ort. Das Erreichen der Medalraces war wohl das wichtigste Ziel, daneben galt es andere Aspekte zu berücksichtigen, wie Tom Reulein, Teamchef und Headcoach der Swiss Sailing Team AG, im Vorfeld des Events präzisierte. „Wir wollen sehen, wo wir im Vergleich zu den Topseglern der anderen Nationen stehen. Dieser Event ist natürlich auch wichtig für uns, um unsere Planung und Abläufe für das nächste Jahr weiter zu verbessern. Wir wollen mehr übergreifende Reviererfahrung sammeln, da auf unterschiedlichen Racing Areas inner- und ausserhalb des Portland Harbours gesegelt wird.“

Ein erfreulicher Regattaauftakt gelang den 470er-Seglerinnen Stéphanie Hasler/Romy Hasler. Mit einem 20. und einem 8. Rang rangierten sie nach dem ersten Tag auf dem hervorragenden 13. Rang. Die Bedingungen waren nicht einfach. Sie mussten auf der Kreuz mit Winddrehern bis zu 20 Grad zurechtkommen. „Bei solchen Bedingungen kann man vorne segeln und alles verlieren, aber auch von ganz hinten wieder auf Platz zehn vorsegeln. Speziell unser Speed auf dem Downwind war sehr gut, wir waren schneller als die Neuseeländerinnen (Anm.d.R.: Aleh/Powrie rangierten im Schlussklassement auf dem 4. Platz)“, freute sich Vorschoterin Romy Hasler. Tags darauf gelang ihnen eine weitere erstklassige Leistung: Bei ihren bevorzugten Windbedingungen von 7 bis 9 Knoten düpierten sie annähernd die gesamte Weltelite und überquerten im dritten Lauf als 4. die Ziellinie. In den restlichen sieben Läufen klassierten sie sich nur noch zweimal in den Top 20, daraus resultierte der 19. Schlussrang. Teamchef Reulein: „Die Damen haben hier eindeutig gezeigt, dass sie bei Leicht- bis Mittelwindbedingungen Spitzenleistungen zeigen können; an der Starkwindperformance müssen sie weiter arbeiten.“

Die sechswöchige Verletzungspause hatte deutliche Auswirkungen auf die Leistungen von Nathalie Brugger (Laser Radial). Bootsgefühl und „Hiking-Performance“ waren noch nicht auf dem gleichen Level wie im Frühjahr. Ein Lichtblick war der 3. Platz in der vierten Regatta. Insgesamt klassierte sie sich in drei von zehn Läufen unter den Top Ten. Sie wurde schliesslich 15.

Für das Highlight aus Schweizer Sicht sorgten einmal mehr die Starboot-Segler Flavio Marazzi/Enrico De Maria: Sie gewannen den achten von zehn Läufen, klassierten sich ansonsten aber nur noch einmal unter den Top Ten, sodass am Ende ein 13. Platz resultierte. Christoph Bottoni (Laser) konnte berufsbedingt wenig bei Starkwind trainieren, sein Resultat spiegelt dies wider: Er wurde 30. Die jungen 470er-Segler Yannick Brauchli/Romuald Hausser verzeichneten überwiegend Klassierungen unter den ersten 20 und beendeten die Regatta als 22. Viel Pech hatte der RS:X Windsurfer Richi Stauffacher. In der fünften Regatta brach sich der 28-Jährige auf dem ersten Downwindkurs die kleine Zehe und musste aufgeben.

Die Zielsetzungen für die vorolympische Regatta im olympischen Segelrevier waren von Athleten und Coaches der Swiss Sailing Team AG (SST) gemeinsam erarbeitet worden. Die Teilnahme am Medalrace war für die einen Pflichtprogramm, für die anderen Kür. Keinem der neun Athleten gelang die Zielerreichung.

Tom Reulein, Teamchef und Headcoach SST, gibt Auskunft.

 

Wie zufrieden sind Sie mit dem Abschneiden der Schweizer Mannschaft in Weymouth?

Tom Reulein: Natürlich sind wir nicht ganz zufrieden mit den Resultaten, aber sie beunruhigen mich nicht, denn wir kennen die Gründe. Unsere Segler haben während des Olympic “Test” Events auch noch das eine oder andere erprobt, sei es im Material-, Taktik- oder Strategiebereich. Und wenn man wie im Fall Nathalie Brugger verletzungsbedingt mitten in der Wettkampfsaison sechs Wochen kein Wassertraining absolvieren kann, wirkt sich das natürlich auf die segelspezifische Fitness und das Bootsgefühl aus. Das ist im vorolympischen Jahr schwer zu kompensieren. Zusammenfassend kann ich sagen, dass wir resultatmässig bei diesem Event noch ein Stück vom Podium entfernt waren, aber unsere Segler haben mit einstelligen Wettfahrtplatzierungen auch Ausrufezeichen gesetzt.

 

Wo sehen Sie das grösste Verbesserungspotenzial?

In aller Ruhe werden nun die Coaches gemeinsam mit den Athleten die Möglichkeiten zur Verbesserung individuell herausarbeiten. Diese Erkenntnisse werden im Rahmen des normalen Regelkreises der Trainingssteuerung in den nächsten Wochen umgesetzt. Übergreifend kann man allerdings sagen, dass wir noch mehr Wasserzeit in diesem hochkomplexen Revier „Weymouth Bay“ brauchen. Die Zusammenarbeit mit unserem lokalen Meteo and Tidal Team, ein gemeinsames Projekt von Gstaad Yacht Club und SST, hat erst begonnen und wird stetig weiterentwickelt. Auch die Steuerung des so genannten „Peak Performance“-Zustandes der Athleten, beispielsweise hinsichtlich der konditionellen Faktoren, birgt noch grosses Potenzial.

 

Wie schätzen Sie die Schweizer Medaillenchancen an den Olympischen Spielen 2012 ein?

Die Medaillenchancen sind nach wie vor gegeben, daran hat sich durch das Abschneiden beim Olympic Test Event nichts geändert. Wir haben noch ein Jahr Zeit, um alle notwendigen Verbesserungsmassnahmen umzusetzen. Eines ist allerdings auch klar: Man darf jetzt keine Zeit mehr verlieren und muss sich mit aller professionellen Konsequenz und Vehemenz für diese hohe Zielsetzung einsetzen. Diesbezüglich habe ich bei Seglern, Coaches und Mitarbeitern von SST keine Sorgen, denn die Ergebnisse von Weymouth demotivieren uns nicht, im Gegenteil sie haben unseren „Fighting Spirit“ noch weiter angefacht.