Im Meer der Regenbögen
Text: Iris Kürschner
Jahr: 2010
Die globale Erderwärmung verschont auch die Karibik nicht. Mein Freund Dieter und ich haben unsere Reise zwar in die Trockenzeit gelegt, trotzdem werden wir mit ganz anderen Verhältnissen konfrontiert. Es regnet ungewöhnlich viel. Die Inselbewohner nehmen es gelassen und schmunzeln: „There are two seasons, a wet and a wetter one“ (es gibt eine nasse und eine nassere Saison).
Die beste Lösung sich dieser „wet season“ zu entziehen, ist ein Segeltörn, denn in der Regel stauen sich die Wolken an den Bergen der Inseln, während Küstenbereiche und Meer überwiegend sonnig bleiben. So lernt man die Inselwelt von ihrer schönsten Seite kennen und erspart sich dabei Verkehrshektik, Staus und Hotelsuche, die einen bei einer gewöhnlichen Ankunft per Flieger oder Fähre meist eine Menge Nerven kosten. Dieter und ich sehen die Inseln, die wir schon von früheren Reisen her kennen, plötzlich mit ganz anderen Augen.
Für die nächste Woche wird ein Katamaran unser Zuhause sein. Skipper Manolo stellt uns die Mannschaft vor: Jacques, den Koch, sowie die Gäste Martine, Michelle und Jean-Noel. Auf 17,3 Metern Länge und 8,6 Metern Breite versteckt sich wahrer Luxus. So stehen uns vier Doppelkabinen mit jeweils eigenem Bad und ein heller Salon mit Navi-Ecke und Pantry zur Verfügung. Er wird schliesslich nur für Notwendigkeiten genutzt, denn die eigentlichen Aufenthaltsräume bleiben das Cockpit, die „Bootsterrasse“ mit ihrer bequemen Sitzgarnitur, und das die beiden Rümpfe verbindende Netz als Lesematratze oder einfach nur zum Träumen.
Guadeloupe, die Schmetterlingsinsel
Unsere Segelodyssee beginnt in der Marina von Bas du Fort, einen Katzensprung von Guadeloupes Hauptstadt Pointe-à-Pitre entfernt. Guadeloupe, die Schmetterlingsinsel der Kleinen Antillen, auf der sich die karibische mit der französischen Lebensart vereint, versprüht einen ganz speziellen Charme. Die Umrisse der Insel haben tatsächlich die Gestalt eines Schmetterlings mit zwei Flügeln, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der östliche Flügel, Grande Terre, ist flach, trocken und verhältnismässig dicht besiedelt. Die Landschaft wird von Plantagen bestimmt, auf denen Zuckerrohr zur Herstellung von hochprozentigem Rum angebaut wird. Auf dem karibischen Küstenstreifen reiht sich nahe der Hauptstadt zwischen weissen Sandstränden ein Touristenzentrum an das andere, auf dem atlantischen Küstenstreifen fallen dagegen Kalkklippen atemberaubend steil ins Meer ab. Ein zerfurchter Gebirgszug, der zu einem grossen Teil als Nationalpark unter Naturschutz steht, bildet den westlichen Schmetterlingsflügel, Basse Terre genannt. Höchster Gipfel ist dort die immer noch aktive Vulkandame La Soufrière, die einen der spannendsten Ausflüge bietet.
Marie Galante, die Insel der 100 Mühlen
Anker lichten und hinaus ins offene Meer. Die Nase in den Wind, der Sonne entgegen, denn an den Bergen von Basse Terre kleben wieder die Wolken. Unser erstes Segelziel heisst Marie Galante,und liegt 20 Seemeilen südlich von Guadeloupe. Der Wind steht günstig und bald füllen sich die gehissten Segel und lassen das Boot flott über das Wasser gleiten. Zwei bis drei Stunden soll die Überfahrt nach Marie Galante dauern, genug Zeit die ständig wechselnden Farben und Formen des Meeres, das Spiel der Wolken und das im Dunst verschwindende Eiland zu bestaunen. Wie eine Fata Morgana taucht die Ilet du Vieux Fort auf. Zwei alleinstehende Palmen dekorieren die von Vogelscharen umschwärmte einsame Miniaturinsel im Küstenbereich von Marie Galante. Ein Fotomotiv der Extraklasse, genauso wie das türkisblau leuchtende Wasser in der Bucht der Anse Canot, wo wir vor Anker gehen. Man fühlt sich fast wie Kolumbus, so verlassen wirkt das Eiland. Er benannte Marie Galante nach einem seiner Schiffe, als er am 3. November 1493 auf die Insel stiess und kurz danach auch Guadeloupe entdeckte. Das Meer lockt zum Schnorcheln. Anemonenfische, Trompetenfische und Kalmaren ziehen ungeniert knapp vor der Brille vorbei. Korallen wiegen ihre Fächer. Wir sind begeistert, auch deshalb, weil Marie Galante so flach ist, es also keine Berge gibt, an denen sich Wolken stauen können. Wegen der Strömungen rät Skipper Manolo die Nacht in der benachbarten Bucht von St.Louis zu verbringen. Wir beobachten am Kai die Feierabend-Flaneure, die Fischer, die ihre grossen Netze reparieren, die leise ans Ufer schwappenden Wellen und den Himmel, den die Sonne mit einem letzten rosa Hauch überzieht – ein Bild des Friedens, bei dessen Anblick man die Zeit still stehen lassen möchte. Auch am frühen Morgen sind die emsig an ihren Netzen fädelnden und knotenden Fischer das erste Bild, das sich vom Katamaran aus bietet. Ohne sie könnten wir diese köstlichen Doraden, Zackenbarsche und Thunfische, die hier überall fangfrisch auf den Teller kommen, nicht verspeisen. Neben dem Fischfang ist die Landwirtschaft, insbesondere der Zuckerrohranbau, die Haupteinnahmequelle von Marie Galante. Unzählige Mühlen zeugen davon und gaben ihr den Beinamen „Insel der 100 Mühlen“. Modernere Arbeitsmethoden haben ihre Funktion längst ersetzt, doch in der Landschaft geben sie nach wie vor ein hübsches Bild ab.
Dominica, die ursprünglichste Inselder Antillen
Wir steuern Dominica an. Ihr indianischer Name Waitukubuli lässt sich mit „Hoch ist ihre Gestalt“ übersetzen. Kolumbus benannte die Insel schlicht nach dem Tag seiner Entdeckung, einem Sonntag im November 1493. Wir ziehen an der Nordwestküste entlang, wo dicht begrünte Flanken steil ins Meer abfallen. Dahinter türmen sich die höchsten Berge der Karibik, die den Wolken immer wieder einen Regenschauer entlocken. Ihr Zusammenspiel mit der Sonne zaubert einen schönen Regenbogen nach dem anderen. Die „Insel der Regenbögen“ ist so ganz anders. Aufgrund des rauen Reliefs ist das Landesinnere kaum erschlossen. Auch fehlen ihr die Klischeebilder blendend weisser Sandstrände – mit ein Grund, weshalb sich der Pauschaltourismus hier nie etablieren konnte. Anstelle von Hotelburgen findet man hier familiäre Unterkünfte, anstelle von gut ausgebauten Autobahnen schmale Schlaglochsträsschen und statt gestylter Natur wilde Ursprünglichkeit. Kurzum: ein Abenteuer, wie zu Zeiten, als der Tourismus gerade erwachte. Gerade diese Ursprünglichkeit, die einem grossen Teil der Karibikinseln leider schon abhanden gekommen ist, macht Dominica zu etwas Besonderem. Sanfter Tourismus und ökologischer Umgang mit der Natur ist ihr Kapital. Ihr Markenname lautet nicht umsonst „The Nature Island“ – die Naturinsel. In den dichten Regenwäldern, die die Insel zu zwei Dritteln überziehen, lassen sich paradiesische Wasserfälle, Badepools, heisse Quellen und Seen, darunter auch der zweitgrösste kochende Kratersee der Welt entdecken.
So klein die Insel mit ihren 46 Kilometer Länge und 26 Kilometern Breite auch ist, schnell lässt sie sich trotzdem nicht besichtigen. Alles braucht hier seine Zeit und das ist gut so. Wir können von der Ruhe und Gelassenheit der Inselbewohner viel lernen. Landessprache ist Englisch, meist wird jedoch der kreolische Dialekt Patois gesprochen. Mal französische, dann britische Kolonie, ist Dominica seit 1956 selbstständig und seit 1978 unabhängige Republik des Commonwealth. Das Preisniveau ist weitaus niedriger als auf den französischen Nachbarinseln. Gezahlt wird in Eastern Caribbean Dollars.
Der schönste Ausflug ist eine Bootstour auf dem Indian River, der seine Berühmtheit durch den Film „Fluch der Karibik“ erlangte. Im Wurzelwerk des Uferstreifens hatte man das Baumhaus errichtet, in dem die lustige Szene mit Johnny Depp und der Wahrsagerin Tia Dalma stattfindet. Wer den Indian River entlang schippert, bekommt eine erste Ahnung von der mannigfaltigen Natur Dominicas. Die artenreichen Wälder locken vor allem auch Naturforscher an. 172 Vogelarten wurden bisher gezählt, über 1000 Blumenspezies identifiziert. Der Morne Diablotin Nationalpark um den mit 1447 Metern höchsten Gipfel der Insel offeriert mit dem leicht zugänglichen Syndicate Trail einen botanischen Lehrpfad, der unter beeindruckenden Baumriesen hindurchführt und mit verschiedenen Spähposten versehen ist. Dort lassen sich die vom Aussterben bedrohten, endemischen Papageienarten Sisserou (Amazona imperialis) und Jaco (Amazona aurasiaca) beobachten. Die Hauptstadt Roseau ist Ausgangspunkt zu zahlreichen Naturspektakeln im Morne Trois Pitons Nationalpark (seit 1997 UNESCO-Weltnaturerbe), wie die Trafalgar oder die Middleham Falls – eindrucksvolle Wasserfälle, die sich in herrliche Badepools ergiessen. In den Sulphur Springs von Wotten Waven kann man sich gegen ein geringes Entgelt in heissen Schwefelquellen unterm tropischen Blätterdach entspannen. Eine ordentliche Portion Kondi-
tion verlangt hingegen eine Wanderung zum Boiling Lake. Doch welch ein Erlebnis, über dem brodelnden Kratersee zu stehen und bei günstigem Wind durch die Dampfschwaden einen Blick auf Martinique zu erhaschen! Ein besonderes Feuchtvergnügen bietet die Titou Gorge am Start- bzw. Endpunkt. Dort kann man vom gestauten Badeteich durch einen engen Schlund zu einem Wasserfall schwimmen – ein natürlicher Jacuzzi, in dem schon Johnny Depp mit seiner Crew Wasser schlucken musste, als er von den Ureinwohnern verfolgt wurde. Die Kariben, die sich selbst Kalinago nennen, haben an Dominicas Nordostküste in einem selbstverwalteten Reservat ihr Refugium gefunden.
Les Saintes, die Pirateninseln
Nach einer rassigen Überfahrt taucht 10 Seemeilen südlich von Guadeloupe der Archipel vor uns auf. Die Saintes werden als Bilderbuchinseln gehandelt, was zum Teil auch stimmt. Vom Boot aus strahlen sie reine Idylle aus. Doch ein Landgang auf der Hauptinsel Terre-de-Haut an Wochenenden, wenn Horden von Tagesgästen mit stinkenden
Motorrollern ausschwärmen, lässt den Glanz etwas verblassen. Kein Problem für den Segler: Der weicht auf die unbewohnte Ilet à Cabrits aus, wo sich herrlich schnorcheln und den Tag verbummeln lässt, oder er setzt über auf Terre-de-Bas, der bewohnten, aber weitaus ursprünglicher gebliebenen Schwester von Terre-de-Haut. Wir besuchen dort den Kunsthandwerkladen von Bertheau Morvan, in dem man noch den Salako, die traditionelle stoffüberzogene Kopfbedeckung erstehen kann. Das Mittagessen bei „Chez Eugénette“ an der Grande Anse ist ein Muss, denn ihre „Coffres“ sind einzigartig. Die ungewöhnlichen Fische mit der soliden Panzerhaut lassen sich leicht entblättern und das zarte Innere ist köstlich. Mit dickem Bauch gönnen wir uns am Strand ein Nickerchen. Nach Abfahrt der Tagesgäste kehrt der Charme von Terre-de-Haut zurück. Am Kai wird Boule gespielt und in der Strandkneipe treffen sich die Einheimischen zum Dorftratsch. Im Garten des Fort Napoléon, das zu einem Museum umfunktioniert wurde, zeigen sich sogar die Leguane wieder. Die Bucht von Pompierre, die zu den schönsten Stränden der Welt zählt, lockt zum Baden. Auf dem Morne Morel offenbart sich die Vollkommenheit der durch Riffe geschützten Bucht in ihrer ganzen Schönheit. Piraten sollen hier einst ihre Beute versteckt haben. Der wahre Schatz aber ist die Natur selbst, die sich aufgrund des Massenandrangs der täglich von Guadeloupe ausströmenden Ausflugsboote nicht ganz so leicht schützen lässt.
Infos
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Tel.: + 49 711 26 34 66 24
Fax: + 49 711 50 53 534
E-Mail: Dominica@tropical-consult.de
Internet: www.DiscoverDominica.com
Fremdenverkehrsbüro von Guadeloupe
Tel: + 49 711 5053511
Fax: + 49 711 5053512
Email: fva.guadeloupe@t-online.de
Internet: www.lesilesdeguadeloupe.com
Maison de la France in Zürich 044 217 46 00
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